Taj Mahal und Perlmoschee: Meisterwerke indoislamischer Architektur


Taj Mahal und Perlmoschee: Meisterwerke indoislamischer Architektur
Taj Mahal und Perlmoschee: Meisterwerke indoislamischer Architektur
 
Die beiden berühmtesten Werke der Mogul-Architektur, das Grabmal Taj Mahalin Agra und die Perlmoschee (Moti Masjid) in der dortigen Festung, zeugen von einer zu höchster Entfaltung gelangten Bautätigkeit. Sowohl von den Baugedanken als auch von der Gestaltung der verwendeten Baumaterialien sind das Taj Mahal, das der Mogul-Kaiser Shah Jahan (Regierungszeit 1628-1658) für seine Gemahlin Arjumand Banu mit einer Gartenanlage errichten ließ, und die als schönste Moschee Indiens geltende Perlmoschee Spitzenleistungen indo-islamischer Architektur. Die zahlreichen noch erhaltenen Bauwerke der Mogul-Zeit mit ihrem Schwerpunkt im 17. Jahrhundert stellen jedoch keine isolierten Produkte einer zur Großmacht entwickelten Dynastie dar, sondern sind Folge vorangegangener Entwicklung in der Kunst. Zwar trat der Mogul-Herrscher als oberster Bauherr auf und bestimmte auf der Basis von Staatskonzepten, historischem Bewusstsein und religiösen Anschauungen diese Entwicklung, allerdings flossen auch hinduistische Einflüsse in den Baustil ein. Die Kaiser beriefen sich auf ihre mongolisch-timuridische Abstammung und ließen, in ähnlicher Weise wie ihr Vorfahr Timur in Samarkand (✝ 1405), die besten Architekten, Ingenieure und Handwerker aus allen Teilen ihres Machtbereiches herbeiholen. So entstanden kaiserliche Bauhütten, Werkstätten (karkhana) und Zentren der Buchherstellung mit Ateliers für die Miniaturmalerei (kitabkhana), wo die vielfältigsten Erfahrungen und Ideen zusammenströmten, wie sie nicht nur persische oder türkische, sondern auch zahlreiche einheimische Künstler mitbrachten.
 
Geprägt wurden diese neuen Bauideen in Indien durch den Islam - verschiedenene Machthaber hatten ihn in begrenzten Bereichen des indischen Subkontinents eingeführt; seit Beginn des 8. Jahrhunderts setzte er sich im unteren Industal fest und eroberte flussaufwärts Sindh bis in die Gegend von Multan. Nach wiederholten Einfällen und Raubzügen des Eroberers Mahmud von Ghazna im 1. Viertel des 11. Jahrhunderts, der auch den berühmten Tempel von Somnath auf der Halbinsel Kathiawar plünderte, wurde Lahore die Hauptstadt des ghaznawidischen Provinzreiches in Indien. In der Folgezeit gelangten weitere turkstämmige Eroberer von »Sklavendynastien« nach Indien: zunächst die der Herrscher des Ghoridenreiches aus Afghanistan, die 1186 Lahore als strategischen Stützpunkt einnahmen und bis nach Rajasthan und Bengalen vordrangen, wobei Delhi zum wichtigsten Zentrum der Provinzsultanate wurde; danach das der Khalji (1290-1320), Tughlaq (1320-1414), Sayyid (1414-1425) und Lodi (1451-1526). Auch in diesen Zeiten gab es ein politisches Zwischenspiel, als Timur 1398 einen berüchtigten Eroberungs- und Raubzug nach Delhi unternahm und unzählige Künstler und Handwerker mit in seine ResidenzSarmarkand nahm. In die Herrschaftsperiode der Tughlaq fiel 1327 die vorübergehende Verlagerung der Hauptstadt Delhi und die Aussiedlung des größten Teils ihrer Bevölkerung nach Deogiri (Daulatabad) im nördlichen Dekhangebiet, was jedoch um die Jahrhundertmitte bereits wieder rückgängig gemacht wurde. Von hier aus kam es 1347 zur Gründung des Bahmani-Sultanats im Dekhan mit der Hauptstadt Gulbarga (ab 1422 Bidar); es bestand bis etwa 1500 und wurde wiederum von weiteren Reichen wie Ahmadnagar (1490-1600), Bijapur (1498-1686) und Golconda (1512-1687) abgelöst, die alle, bis zur Eroberung durch die Mogule, bedeutende eigene kulturelle Zentren bildeten. Daneben gelangten weitere Provinzreiche zur Selbstständigkeit wie Bengalen (1336-1576) mit den Hauptstädten Gaur und Pandua, Gujarat (1396-1583) mit der Hauptstadt Ahmadabad, Jaunpur (1394-1479), Malwa (1401-1531), Khandesh sowie Sindh und im Norden Kaschmir, die in Verbindung mit den jeweils regionalen Traditionen ihre eigenen Stile ausprägten (Stein-, Ziegel- oder Holzbauweise).
 
Die mit dem Islam in Indien eingeführten Bauformen unterschieden sich unter anderem aus religiösen Gründen von der einheimischen indischen Baukunst. Während im Hinduismus eine Vielzahl von Göttern mit regional unterschiedlicher Bedeutung verehrt wurde und sich dies auch in den Tempelbauten durch entsprechende Kultbilder und überreichen plastischen Schmuck ausdrückt, kennt der Islam keine Darstellungen im religiösen Bereich, die den Schöpfungen Allahs, des Allgegenwärtigen, Allwissenden und Allmächtigen nachempfunden sind. Während indische Tempelbauten, meist auf einer Stufenterrasse errichtet, sich in plastischer, schichtender Bauweise darstellen, wie es auch der Tempelturm über dem Allerheiligsten zeigt, ist die Moschee (masjid) mit ihrem umschlossenen Hof (sahn) und dem Betsaal (haram) ein Versammlungsort für die Gläubigen, die vor Gott alle gleich sind. Sie ist klar und rational gegliedert, wobei Bögen und Arkaden, Wölbungen, Kuppeln, turmartige Minarette und die Betonung der Portale sie prägen. In der Mogul-Zeit gewinnen als weitere Verfeinerungen und Ausschmückungen an Bedeutung. wie etwa eine leichtere Bauweise oder die Verwendung edler und kostbarer Materialien, so die Kombination von rotem Sandstein mit weißem Marmor, weißem Marmor mit farbigem Stein oder Marmor oder von weißem Marmor mit farbigen Halbedelstein- und Edelstein-Intarsien. Krönende Pavillons (chattri) und die Zackenbögen gehören ebenfalls zum Mogul-Stil. Weniger kostbar ausgestattete Bauten sind weiterhin traditionell mit farbigem Fayence-Mosaik und glasierten Fliesen verziert. Die gezielten Bauvorhaben der Mogul-Kaiser konnten erst mit der Festigung des Reiches unter Akbar (1556-1605) einsetzen. Der Herrscher Babar regierte zu kurze Zeit in Indien (1526-1530), um Einfluss auszuüben, und sein Sohn Humayun (1530-1540, 1555-1556) wurde zwischen 1540 und 1555 durch Sher Shah aus Delhi vertrieben. Sein Exilaufenthalt am Hof des Shah Tahmasp führte erneut zu persischen Einflüssen.
 
Die bedeutendste Architektur findet sich in den Residenzbauten der Hauptstadtfestungen Delhi, Agra, Fatehpur Sikri und Lahore, in den Moschee- und Grabbauten sowie in den Gartenanlagen. Letztere vertreten den persischen Typ des quadratischen, durch Kanäle viergeteilten Gartens (chahar bagh); diese Kanäle symbolisieren die vier Ströme des Paradieses. Häufig stehen die Grabmäler im Mittelpunkt einer solchen Anlage.
 
Den Auftakt zur Mogul-Baukunst und einen der Vorläufer des Taj Mahal stellt das Mausoleum für Kaiser Humayun dar (1562-71). Der viergeteilte Garten misst etwa 365 m2, in seinem Zentrum befindet sich eine Plattform mit eingetiefter Bogenreihe (92 m Seitenlänge), auf der sich das Kuppelgrab erhebt. Der Baukörper mit vertieften und überhöhten Mitteltrakten sowie abgeschrägten Ecken zeigt in der zweigeschossigen, durch Nischenformen gegliederten Fassade wie auch im Unterbau den kombinierten Einsatz von rotem Sandstein und weißem Marmor. Die weiße Marmorkuppel wird von Pavillons flankiert, auf den Ecken stehen kleine, minarettartige Türme. Das Grab des Humayun greift zwar auf vorhandene Traditionen des Kuppelgrabes zurück, nimmt ihm aber durch seine Bauformen, das heißt durch die Art der Auflösung der geschlossenen Wände am Außenbau und den vielgliedrigen Umgang im Innern, etwas von der Schwere früherer Bauten. Seit den 1570er-Jahren ließ Akbar im Zeichen seiner politischen und religiösen Toleranzpolitik die neue Residenz Fatehpur Sikri etwa 40 km westlich von Agra errichten, wo sich der Aufenthalt des heiligen Salim Chishti befand; dieser prophezeite ihm den Thronerben Prinz Salim, den späteren Kaiser Jahangir. Die in rotem Sandstein errichtete Anlage mit verschiedenen Gebäudetypen, wie etwa Audienzhallen, Privatgemächer, Wirtschaftsgebäude, Wasserbecken und Moschee, zeigt, wie auch das Grabmal Akbars in Sikandra nordwestlich von Agra, starke indische Einflüsse - in der Gestaltung gestufter und gegliederter Bauten ebenso wie in der Vielgestaltigkeit der Baukörper mit dem Reliefschmuck der Wände und der Konsolen. Ein einmaliger Baugedanke findet sich im privaten Audienzraum (diwani-i Khas), wo eine Mittelsäule mit Plattform für den Kaisersitz durch vier Brückenstege mit dem umlaufenden Obergeschoss verbunden ist. Er mag sowohl an den auf Miniaturen dargestellten Baumkasten als erhöhten Sitz erinnern als auch auf die Herrschaft über die vier Weltgegenden hindeuten.
 
Das Gartengrab als quadratische Anlage mit Ecktürmen erfuhr eine weitere bewundernswerte Verfeinerung im Grabmal des Itimad ad-Daula, das die Gemahlin Kaiser Jahangirs für ihren Vater 1622-1628 in Agra errichten ließ. Der Bau aus weißem Marmor mit farbigen Marmorintarsien und wie Spitzenwerk durchbrochenen Fenstergittern (jali) erreicht im Spiel von Licht und Schatten eine außergewöhnliche, besonders von innen her gesehene Transparenz und Leichtigkeit. Der feine, in verschiedene Felder und Paneele aufgeteilte Schmuck, der die Außen- und Innenwände überzieht, zeigt Stern- und Netzmuster, Arabeskranken, Bäume, Blütensträucher, blühende Stauden und Vasenmotive. Sicherlich ist es dem persönlichen Interesse Kaiser Jahangirsan den Naturwissenschaften zu verdanken, dass Blumen und Blütenstauden als Einzelmotive in die Kunst eingeführt wurden; denn, wie er selbst in seinen Memoiren schreibt, er beauftragte seine Miniaturmaler, die Blumen Kaschmirs, seiner Sommerresidenz, in der von ihm bevorzugten realistischen Detailtreue zu malen. Sein Sohn und Nachfolger Shah Jahan (1628-1658) setzte für den Glanz und die Macht des Mogul-Hofes Zeichen durch eine Architektur, die gleichzeitig Größe und Vollendung symbolisiert. In der Errichtung des Grabmals Taj Mahal, bei der Architekten und Künstler verschiedener Nationalitäten mitwirkten, manifestiert sich der schöpferische Höhepunkt jener Zeit. Die im Norden an den Yamuna-Fluss grenzende Anlage ist als mauerumschlossener Komplex (576×305 m) im Sinn einer doppelten Symmetrie gestaltet. Vom Vorhof mit roten Sandsteinbauten führt der Eingangstrakt mit hohem Nischenportal (iwan) in den viergeteilten, quadratischen Garten, in dessen Mittelpunkt mit dem Kanalkreuz eine Plattform mit Wasserbecken steht. Die dahinter liegende Flussterrasse hat die Breite des Gartens. Sie trägt in der Mitte das ganz in weißem Marmor ausgeführte Kuppelgrab auf einer hohen Plattform mit Eckminaretten. An den Seiten steht jeweils ein in rotem Sandstein mit weißen Marmorkuppeln errichteter Bau - im Westen eine Moschee, im Osten ein Empfangsgebäude für hohe Gäste -, die aufeinander bezogen beziehungsweise deren Fassaden einander zugekehrt sind. Der Symmetrieachse in der Länge entsprechen somit drei Symmetrieachsen in der Breite: Vorhof, Garten, Terrasse. Das 1632 begonnene Mausoleum wurde 1643, die Gesamtanlage mit den Nebengebäuden bis 1648 fertig gestellt. Der quadratische Baukörper von 56,7 m Seitenlänge mit abgeschrägten Ecken hat einen achteckigen Zentralraum, der von einer doppelschaligen Kuppel überwölbt wird. Die 24 m hohe innere Kuppel wird von der äußeren Lotoskuppel auf hohem Tambour (einem zylinderförmigen Kuppelunterbau) bis zur Höhe von 65 m überdeckt (Gesamtspitzenhöhe 74 m); diese wird durch vier kleinere Pavillonkuppeln noch betont. Der Zentralraum beherbergt das Mamorgrabmal der Kaiserin, dem später das des Shah Jahan beigefügt wurde, während sich die Sarkophage mit den Verstorbenen selbst in dem Kryptaraum darunter befinden. Beide Marmorgrabmale stehen auf Podesten und sind kunstvoll mit Edelsteinintarsien und Inschriften verziert, sie umgibt ein in unvergleichlicher Kunstfertigkeit ausgeführtes durchbrochenes Marmorgitter aus stilisierten Pflanzenranken, das wiederum Licht durch die »jali« der Eingänge und Fassade erhält. Der Außenbau ist in den Mittelachsen durch vier große Portalnischen (iwan) charakterisiert, denen sich seitlich kleinere Nischen in zwei Geschossen anschließen. Das Gebäude erhält dadurch, wie auch durch das Spiel des Lichtes mit dem weißen Marmor, eine besondere Leichtigkeit und Erhabenheit. Die innere Harmonie der gesamten Anlage erwächst nicht nur aus den vollkommenen Proportionen, sondern auch durch ihre Einbeziehung in die Landschaft. Somit ist nicht zuletzt die Sinngebung erfüllt, ein Denkmal ewiger Liebe zu setzen.
 
Weißer Marmor fand unter Kaiser Shah Jahan auch für viele Bauten in den Residenzen Agra und Delhi Verwendung. Ein Beispiel erhabener Schlichtheit ist die Perlmoschee (moti masjid, errichtet laut Inschrift 1648-1653) im Zentrum der Roten Festung von Agra. Die typische Hofmoschee hat einen etwa 50×50 m großen Innenhof mit Wasserbecken, der durch ein Eingangsportal im Osten betreten und von Arkaden (riwad) umschlossen wird. Im Westen liegt die erhöhte dreischiffige Gebetshalle mit sieben Jochen, bekrönt von drei Marmorkuppeln. Der sehr zurückhaltend angewandte Schmuck besteht aus Blattformen (Akanthusblätter) an den Pfeilern, einem Schriftband an der Stirnseite der Gebetshalle und den im Fußboden im Umriss dargestellten Gebetsnischen, die zur Qibla-Wand in Richtung Mekka zeigen. Zackenbögen verfeinern die klaren Linienführungen und Proportionen. Die Verlegung der Residenz nach Delhi 1639 und die Gründung der Stadt Shahjahanabad mit der Roten Festung (Lal Qila) und der großen Freitagsmoschee ließ in der Folgezeit noch zahlreiche Bauten im Mogul-Stil entstehen. In der Burg sind axial geordnete Komplexe miteinander verbunden und durch Höfe und Gärten gegliedert. Auch hier sind die weißen Marmorbauten (Empfangshallen, Privaträume und andere) mit überreichem Schmuck versehen. Nach außen der Repräsentation dienend, sollen sie - wie die häufig damit in Beziehung gesetzten Wasserbecken, Springbrunnen oder Blumengärten - an Paradiesvorstellungen erinnern. Wiederum bezeugt dies die unerschöpfliche Fülle der farbigen Pflanzenmotive in den Mosaikarbeiten oder an feinpolierten Marmorreliefs, welche die Wände, Fußböden und Pfeiler schmücken. In dieser Epoche erreichte die Mogul-Kultur ihr Höchstmaß an luxuriöser Verfeinerung, wie sie auch in den übrigen Künsten zu spüren ist.
 
Dr. Regina Hickmann
 
 
Rosenduft und Säbelglanz. Islamische Kunst und Kultur der Moghulzeit, herausgegeben von Jürgen W. Frembgen. Ausstellungskatalog Staatliches Museum für Völkerkunde, München. München 1996.

Universal-Lexikon. 2012.

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